Montag, 7. Februar 2011

Campus echo - Uni Erfurt

In der aktuellen Uni-Zeitung "Campus:echo" gibt es einen interessanten Artikel über die Erfurter Graffiti-Szene von Sebastian Bähr. Erwähnung findet die geplante Online-Datenbank, eine Graffiti-Datenbank, auf die das Ordnungsamt, die Polizei und die Stadtverwaltung zugreifen können. Geplant ist außerdem ein Mitfürverbot aller sonstigen Utensilien, die sich zum Farbauftragen eignen - also bspw. Marker, Dosen etc. Weiterhin gibt es noch ganz interessante Vorschläge, wo in Erfurt überall noch weitere legalen Flächen entstehen könnten.

Zum PDF (Seite 22 -23)


Edit: Freundlicherweise haben wir den Original-Artikel gestellt bekommen, so dass Ihr diesen hier auf dem Blog lesen könnt; anbei auch nochmal das Julian Assange Bild, das ja im Artikel erwähnt wird:



VCR + CWR - An der Line
"Julian Assange schaut mir ernst in die Augen. Sein Konterfei befindet sich auf einer nicht näher definierten Wand in Erfurt und ist zwischen den riesigen Buchstabenkürzeln VCR und CWR eingeklemmt. Dieses Graffiti ist erst vor kurzem entstanden und der Blick Assanges wirkt wütend und stolz. Möglicherweise spiegelt dies den Gemütszustand einiger heimischer Sprayer wieder, denn die Stadt macht es ihnen in letzter Zeit nicht gerade einfach.
Die auf den zweiten Blick erkennbare Graffitiszene Erfurts ist dabei für eine Stadt dieser Größe recht aktiv und verfügt überregional über einen guten Ruf, vor allem noch zu Zeiten des besetzten Hauses. Die Räumung 2009 hatte die gesamte Sprayerszene schwer getroffen, war doch das soziokulturelle Zentrum unter anderem ein Treffpunkt für regionale und nationale Graffitimeetings gewesen. Es wurde dabei auch selbst immer wieder neu gestaltet sowie von Malern aus ganz Deutschland besucht. Nichtsdestotrotz konnte sich Erfurt seinen Ruf bewahren und Sprayergruppen -  Crews genannt  - wie beispielsweise TRC 25, KONTOR, MBH 135 oder VCR bestimmen noch immer das klandestine Stadtbild.  Der harte, aktive Kern besteht dabei aus ungefähr 10  bis 30 Künstlern, die Sympathisanten und Amateure sind mindestens zehnmal so viele. Das Alter der Kunstrebellen und Schmierfinken bewegt sich zwischen 15 und 30, die meisten sind männlich.

Nun gibt es einen neuen Anlauf der Erfurter Freien Wähler und der FDP, um die „Graffitiproblematik“ in den Griff zu bekommen. So soll der Stadtrat über einen Antrag abstimmen, der unter anderem die Erstellung einer Online-Graffitidatenbank beinhaltet, auf die Ordnungsamt, Polizei und Stadtverwaltung gemeinsam zugreifen können. Weiterhin enthält das Kataster restriktive Maßnahmen wie das Mitführverbot von Graffiti-Utensilien zwischen 21 und 6 Uhr. Das Mitführverbot umfasst das Tragen von Spraydosen, Sprühköpfen, jeglichen Arten von Farbbehältnissen, Markierungsstiften und „sonstigen Utensilien die zum Farbauftrag geeignet sind.“ Sollte gegen die Auflage verstoßen werden, wird die Zahlung von 500 Euro fällig. Auch wenn es in Erfurt 2009 über 1500 angezeigte Objekte gab, darunter auch einige Straßenbahnen, und ein geschätzter Sachschaden von 400.000 Euro entstand, ist es fragwürdig, ob ein Mitführverbot von frei zugänglichen Waren die angemessene Reaktion darstellt.
Deutlich wird, dass die Stadtoberen und die Sprayer in zwei völlig unterschiedlichen Welten leben, die sich oftmals nur durch einen Polizeieinsatz überschneiden. Hier versuchen die Grünen mit der Gründung einer Graffiti-AG eine Alternative aufzuzeigen. Diese Art Verein soll zwischen der Stadt und der Sprayerszene eine Kommunikation aufbauen und so neben einer allgemeinen Lobbyarbeit beispielsweise legale Aufträge vermitteln. Bisherige legale Aufträge werden meist nur an den Verein Stadt-Bild-Graffiti e.V. erteilt, dem aus der Szene ein dezenter Vorwurf der Korruption und der Kreativlosigkeit um die Ohren weht.

Auch hat sich 2010 bei einer öffentlichen Ausschutzsitzung  zu diesem Thema gezeigt, dass es dringend notwendig wäre, zuerst einmal eine allgemeine Grundsatzdiskussion in Erfurt (und dem Rest der Welt) zum Thema Graffiti zu initiieren, um einige grundlegende Fragen zu klären:  Was bedeutet Graffiti? Wer bestimmt, was „gute“ und „schlechte“ Graffiti sind? Und wer, an welchen Orten man diese anbringen darf? Solche Fragen könnte beispielsweise eine Graffiti-AG für alle Stadtbewohner transparent machen und damit auch ein Bewusstsein sowie Anerkennung bei der Bevölkerung schaffen. Dabei sollte auch niemals vergessen werden, und das wissen wir spätestens seit Banksy, dass Graffiti und Streetart nicht nur eine zeitgenössische Kunstform sind, sondern auch immer Protest und Wut artikulieren. Einige Sprayer sehen als möglichen Lösungsansatz die weitere Freigabe von legalen Flächen sowie ein stärkeres Engagement der Stadt. Bis jetzt gibt es drei legale Stellen in Erfurt. Neben der seit September 2010 existierenden Wall of Fame in der Hohenwindenstraße gibt es noch die Straßenbahnbrücke hinter dem Ilversgehofener Platz sowie die Wand am Roten Berg höhe Karl Reimann-Ring.

Dass es da noch Potenzial gibt, steht außer Frage.  Die Sprayer selber würden sich für die Zukunft legale Flächen vor allem in der Stadtmitte, und nicht nur am Rand wünschen. Beispielsweise gibt es da noch drei Eisenbahnbrücken in der Löber-, Puschkin- und Schillerstraße, welche man freigeben könnte. Auch Brandwände oder Holzzäune an Baustellen wären mögliche Objekte, welche durch ein wenig Farbe auch nicht schlechter aussehen würden, als sie es bereits tun. Direkte Unterstützung von der Stadt gibt es bis jetzt nicht. So hat zwar das partizipatorische Stadtteilprojekt Ladebalken in Norderfurt die Wall of Fame mit organisiert, wird dabei jedoch lediglich vom Bund finanziert. Im Oktober 2010 wurde auch mit Hilfe des Ladebalken das Comic& Streetart Festival INTERZONE veranstaltet, wobei man auf das dort legal geschaffene Wandbild gegenüber den Stadtwerken in der Szene besonders stolz ist. Ebenso vorzeigbar im legalen Bereich ist die bemalte Ruine in der Kürschnergasse, welche 2010 zur langen Nacht der Museen entstand. Einen hohen Wert haben für die Sprayer jedoch genauso die Werke auf der inoffiziellen Wall of Fame im Südpark sowie die Werke am Schmidtstädter Knoten und an der alten Feuerwache. Während die Stadträte, Experten und Abgeordneten also wieder in endlosen Debatten versinken, werden von den Sprayern ganz pragmatisch, der Gefahr zum Trotz, bunte und grelle Tatsachen geschaffen.  Julian Assange rot-weiß gemaltes Gesicht könnte so auch noch etwas anderes bedeuten: Ihr kriegt uns nicht klein. Wir machen einfach weiter."



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