Donnerstag, 17. Mai 2012

Graffiti ist mehr als Farbe...Das Interview mit Mrs. Goldflesh


Bei Graffiti geht es viel um Ästhetik - nicht nur das Bild an sich zählt, auch die Umgebung, das Äußere bestimmt über Gefallen bzw. Nichtgefallen. Graffiti ist auch sicherlich mehr als das Anbringen des Bildes an sich; Vorbereitung, Spotsuche und -Auswahl sind ebenfalls Dinge, die in die Welt des Graffitis gehören. Mrs. Goldflesh versucht, solche Atmosphären und Ästhetiken visuell einzufangen: wir haben uns mit ihr über verlassene Gebäude in der Region FFM und natürlich über ihre Erfahrung als Frau im Graff-Biz unterhalten… (Alle Fotos sind natürlich von Mrs. Goldflesh.)

1. Hi Mrs. Goldflesh – auf deinem Blog sieht man Fotos zu Graffiti und den dazugehörigen Spots. Wer bist du und was sollte man über dich wissen?
Ich bin "die vom Goldflesh Blog". Und mehr sollte man auch nicht wissen.

2. Du fotografierst ja gerne – die Verknüpfung von Fotografie und Streetart/Graffiti ist im Netz auf Blogs und speziellen Seiten ja gerade schwer verbreitet. Worum geht es dir bei den Fotos?
Für Fotografie interessiere ich mich schon weitaus länger als für Graffiti. Hab schon immer alles festgehalten. Und so ist es geblieben. Aber bei den Fotos von Graffiti und Streetart geht‘s mir erstens darum, Sachen die mir gefallen zu dokumentieren. Ich lade auch nicht alle Fotos ins Internet. Und zweitens geht es darum, die Atmosphäre rüberzubringen. Und die Leute, die sich meine Fotos ansehen, interessieren sich ja meistens auch dafür. Also hat diese "Dokumentation" durch Fotos auch seinen Sinn.

3. Die Fotos stammen ja oft von abandoned areas, Plätzen, die dem Verfall überlassen sind. Das Rhein-Main-Gebiet ist nun eher dicht besiedelt und jede Fläche verplant: Wie findet man hier noch verlassene Orte? Ist es leicht dort hinzugelangen oder muss man mit Bewachung (oder anderen Risiken) rechnen?
Verlassene Orte zu finden ist im Grunde nicht schwer. Wenn man ein Auge dafür hat, fällt sowas ja auch auf. Aber ja, hier wo jede Fläche verplant wird, ist das natürlich SCHWERER als anderswo, wenn auch nicht unmöglich. Aber gerade diese Gier, die dazu führt, dass jede Fläche verplant wird, ist ja auch Schuld daran, dass alles abgerissen wird, siehe z.B. Naxos, auch wenn die eh nicht sooo toll war.
Risiken. Ja, das ist so eine Sache. Abgesehen von einem Sicherheitsdienst kann man da ja noch anderen unangenehmen Typen über den Weg laufen. Von aggressiven Junkies und Obdachlosen bis hin zu Kabeldieben ist alles vertreten. Die sind halt auch nicht immer unbedingt nett.

4. Gehört Graffiti aber nicht an die Straße, an die Spots, die gesehen werden?
Vom Grundgedanken her natürlich. Auf der Straße gibt das Ganze  ‘ne gute Aktion und auch gut "Fame". Aber die alten Häuser haben irgendwie eine eigene Atmosphäre, die ich persönlich einfach gut finde. Kaputt, verranzt, und falls noch so einiges im Haus zurückgelassen wurde auch recht interessant. Sieht außerdem auf dem Foto nachher gleich viel besser aus, vom Gesamtbild her. Und man hat in den meisten Fällen auch mehr Zeit für ein Bild, was auch ein bisschen länger stehen bleibt - wenn es nicht grad ein Spot ist, den jeder kennt.
Davon mal abgesehen kann man richtige Streetpieces nur nachts malen, und wenn man mal keine Zeit hat nachts rauszugehen, aber andererseits auch keine Lust auf irgendeine vergammelte Hall hat, wo dein Bild eh nur 3 Tage stehenbleibt, ist so ein altes Haus die perfekte Ausweichmöglichkeit.

5. Du malst selbst noch nicht allzu lange - wie bist du zum Graffiti gekommen und welche Hürden muss man nehmen, um vom Interesse an die Wand zu kommen?
Zu Graffiti kam ich über einen damaligen Freund, ich hab angefangen zu sketchen und war richtig motiviert. Da er aber nie Zeit zum malen hatte und auch nicht so aktiv war, musste ich mir andere Leute suchen, ich dachte nämlich nicht, dass ich alleine ohne Hilfe so schnell besser werden würde. Diese Leute zu finden, war aber schwerer als gedacht. Auch wenn ich es am Ende doch geschafft habe. In der Zeit, in denen ich diese Leute nicht hatte, war ich halt ab und zu alleine malen.
"Hürden" vom Interesse zum aktiven Malen gibt es in dem Sinne nicht. Entweder du hast Ehrgeiz, und du willst es. Oder nicht.

6. Aber Graffiti hat ja in bürgerlichen Kreisen nicht gerade den besten Ruf, das heißt dann besorgte Eltern, stressige Bullen, wachsame NachbarInnen, nächtliche Aktivität, Materialkosten. Da reicht der richtige Ehrgeiz?
Wenn man nicht mehr zu Hause wohnt, ist das, was die Eltern sagen, ja sowieso egal. Falls doch, muss man es ihnen ja nicht sagen, wenn sie das nicht tolerieren würden. Die Sache mit den "Bullen" ist unterschiedlich. Manche denken darüber mehr nach, und manche weniger. Gehasst werden sie so oder so von allen. Könnte man als Writer-Klischee abtun, aber es ist wahr.
Und was die Nachbarn oder Nachbarinnen für ein Problem darstellen sollten ist mir fraglich.

7. Welche Möglichkeiten bietet denn Frankfurt oder die Umgebung, um sich auszuprobieren? Gibt es Treffpunkte, Angebote in Schule oder Jugendclubs oder wo malst du?
Möglichkeiten gibt es, wenn auch nicht unbedingt optimale. Da die Naxoshalle ja abgerissen wurde, war so die nächstbeste Möglichkeit in Frankfurt der Ghettospot, der hatte auch 'ne ziemlich chillige Atmosphäre. Aber da der ja nun auch abgerissen werden soll, gibt es nur noch die Jugendhäuser in z.B. Bonames oder Höchst, die ich persönlich aber ziemlich langweilig finde. Da macht das Malen echt einfach weniger Spaß.
Möglichkeiten gibt es also, auch wenn ich sie persönlich nicht nutze...

8. Womit wir also wieder bei den Abandoned Areas wären? Was stört denn an den Jugendhäusern?
Keine Ahnung. Die Jugendhäuser sind einfach langweilig, ohne Atmosphäre, ohne Flair. Zwei Holzwände oder eine einfache Mauer und das wars. Außerdem sind das wieder Orte, die fast jeder kennt - also irgendwie nichts besonderes. Naxos war ausnahmsweise ‘ne ganz coole Hall so von der Atmo her. Auch der Geddospot ist ganz nett. Aber wenn da ganz Frankfurt chillt, macht es das Ganze auch wieder weniger schön. Ich persönlich mag Halls ja nicht so.

9. Writer sind meist männlich. Wie wird man als Frau in der Szene angenommen? Kennst du auch Writerinnen?
Angenommen wird man nach meinen Erfahrungen gut. Die meisten finden‘s sogar echt nice, wenn Frauen malen. Aber es ist schon wirklich anders als Frau in der "Szene".
Zu allererst mal eine für mich unbegreifbare Sache: Auf Streetfiles hatet jeder jeden, aber lässt man auf den Fotos erkennen, dass man eine Frau ist, feiern sie alle den größten Scheiß. Ist scheißegal, was die da für einen Schmodder an die Wand klatscht. Ist Nebensache.
Wenn man nur von männlichen Malern umgeben ist, ist das schon ein wenig einschüchternd. Aber da muss man dann halt drüber stehen.
Was ich selbst zwar noch nicht ganz beurteilen kann, aber mir ziemlich schwierig vorstelle, ist, sich in der "Szene" wirklich durchzusetzen. Ist halt irgendwie eine ganz andere Ebene. Beispiel Streetfiles: Jeder macht auf hart, dank Internetanonymität. Dann kommt als Folge der ganzen Haterei: "Ich klatsch dich blabla". Und auch neben diesen Internetportalen gibt‘s halt mal Stress mit anderen Malern. Ich frage mich nur was passiert wenn sich herausstellt, dass dieser Typ, den man schlagen will, eigentlich gar kein Typ ist. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass alle so rücksichtslos sind, dass sie sogar Frauen klatschen.
Writerinnen kenne ich nicht viele. Aber als wirkliche "Writerinnen" will ich sie auch nicht bezeichnen. Entweder sind es Mädchen, die sich für Graffiti durchaus interessieren, aber aktiv nicht viel machen, und sich auch eher in die Streetart Richtung bewegen, oder die nur wegen ihrem Freund an Graffiti gekommen sind und jetzt einen auf Malerin machen. Und vor letzteren habe ich keinen Respekt. Just my 2 cents.

10. Hip-Hop generell zelebriert oft ein recht sexistisches Frauenbild. Ist HipHop deine Kultur? Wenn ja, stört dich dies Frauenbild und Mackertum?
Also erstmal möchte ich Graffiti und HipHop trennen. Graffiti ist, wenn man das so ausdrücken kann, nämlich schon eine eigene Kultur geworden. Es hat sich ein wenig verselbstständigt und es hat mehr Facetten bekommen. Zwar gehören Graffiti und HipHop auf irgendeiner Ebene noch zusammen, und Graffiti ist auch ein BESTANDTEIL der HipHop Kultur, aber nicht jeder Maler lebt einen "HipHop Lifestyle". Es gibt kein bestimmtes Kleidungsraster oder einheitliches Musikgenre.
HipHop meine Kultur? Das könnte ich vielleicht beantworten wenn ich genaue Angaben hätte, was diese Kultur alles umfasst. Aber generell finde ich es eh sinnlos Leute bestimmten Schubladen oder irgendwas zuzuordnen, deswegen sage ich mal ganz klar nein.
Das "sexistische" Frauenbild stört mich irgendwie nicht so. Mag sein, dass es irgendwelche Nachwuchsfeministinnen stört, mich aber auf keinen Fall. Und zum Mackertum - das ist ja kein Bestandteil der HipHop Kultur oder sowas. Das hängt ja immer vom Menschen ab.

11. Wäre Graffiti anders, wenn mehr Frauen aktiv malen würden?
Auf jeden Fall. Ich weiß nicht inwiefern, und ob das im Endeffekt gut oder schlecht wäre, aber anders wäre es auf jeden Fall. Vorausgesetzt viele würden es auch illegal auf der Straße machen, würde sich das Stadtbild was Graffiti angeht schon ziemlich verändern. Ich vermute es gäbe auf jeden Fall mehr Character und bunte Bilder auf der Straße. Chrom-Schwarz ist zwar billig und geht schnell. Aber ich glaube, die meisten Frauen würden lieber ‘ne Stunde damit verbringen, die perfekte Farbcombo zu finden, haha!

Complete me!
Meine Favourite FFM Crew ist... CPUK.
Hip Hop und Graffiti sind… 2 Kunstformen?
Im Knast zu malen ist… eigentlich auch ganz chillig.
Graffiti auf Frauen ist... nicht IMMER schön.
Kiffen ist… leider nicht erlaubt.
Graffiti ist politisch, weil... Merkel ein Ferkel ist.

Quick shots:
Nike oder adidas? Nike
Ost oder West? Ost
Facebook oder Google? Beides.
Liken oder Bookmarken? bookmarken
Eintracht oder FSV? Eintracht

Na, dann danken wir für das Interview und freuen uns doch noch etwas mehr über "die vom Goldflesh-Blog" erfahren zu haben!

Kommentare:

  1. nettes ding du. die ist ganz bescheiden und kann, im gegensatz zu anderen "weibern", das sagen, was sie denkt.

    hau rein! goldi
    bananas&cash

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  2. Hier, Süße, scher mal die einzelnen Geschlechter nicht so über einen Kamm. Darüber solltest du dir nochmal Gedanken machen.

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