Dienstag, 8. Januar 2013

Ein Leben ohne Peng ist möglich - aber sinnlos: Das Interview

Wären Herr Peng und die Konvention gute Freunde, würde Herr Peng höchstwahrscheinlich nicht Herr Peng heißen. Herr Peng würde dann auch „Anführungsstriche“, „Ausrufezeichen“, hier noch zwei Punkte und dieses und jenes was eben so an Tags drankommt machen, und nicht in Form von Fischen, Wolken und Mäusen taggen. Gerade weil Herr Peng mit der Konvention a.k.a. dem Langweiligen, dem Gewöhnlichen nicht so gut kann, werden hier keine Chrome-Runner oder irgendwelche T-Ups gemalt sondern ein Stuhl, ein Regenschirm aus dem es regnet, eine Kanone…
Herr Peng irritiert zunächst, dass stimmt. Er irritiert, weil es nicht möglich ist, seine Sachen unter der gängigen Schublade von Schmiererei und Vandalismus (schönes Wort) abzuheften, zugleich entzieht er sich dem was auch gängigerweise unter Graffiti subsumiert wird - da fehlen eben die „bubbles“ und die „Pfeile“-, aber „Streetart“, als das gern genommene Klischee des gelangweilten HfG-Studenten, der anfängt seine Grafiken aufn Aufkleber oder besser n Wallpaper zu machen, passt auch irgendwie nicht so richtig.
Er irritiert, weil es als Betrachter eben nicht möglich ist ihn in irgendeine Schublade zu packen, nicht zu letzt wenn neben dran „mea culpa“- Meine Schuld- steht.

Er irritiert, weil er eben sagt „ein leben ohne peng ist möglich“ und gleichzeitig - anti-fame-Spruch hin oder her - trotzdem die ganze - und wirklich die ganze Stadt mit seinen Stickern, kleinen Markerbildchen und größeren Sachen bebildert und kommentiert - „THIS IS MY DISTRICT“ eben. Ein Widerspruch? Nö, vielleicht genau die heiße Mischung, die das ganze erst so interessant macht.

Zum Glück ist Herr Peng nicht so dicke mit der Konvention, sonst wäre das Interview hier nicht auch schon längst überfällig...


Deine Entwicklung?

Manche Bilder von mark-reinert.com
Also ganz ursprünglich habe ich auch mit klassischem Graffiti angefangen, das ist aber schon lange her. Richtig aktiv bin ich vor ca. 4 -5 Jahren geworden, angefangen hat es mit Stickern, dann auch viel mit Plakaten und aktuell jetzt halt eher Kanne oder Marker.
Wie gesagt, begonnen habe ich eigentlich gleich mit Streetart also mit den Motiven, wie man sie jetzt auch von mir kennt. Ganz aktuell konzentriere ich mich sogar wieder ein bisschen auf Buchstaben, also im Stil von „Anti-Style“: das finde ich ganz interessant und da finde ich viele Sachen auch echt gut wie bspw. von Spair / Hesht usw.

Also natürlich ist Anti-Style schwierig zu definieren wenn es überhaupt direkt möglich ist. Also "katdog" oder die Sachen aus dem Magazin   „Mandy – hi its me and im the best“ würde ich schon so bezeichnen: mir gefällt dass hier halt absichtlich Konventionen / Regeln gebrochen werden: also bspw. keine super sauberen Outlines etc. Ich finde die Bilder kriegen teilweise mehr Persönlichkeit, sie besitzen mehr Leben und gehen für mich auch mehr in die Kunstrichtung.Was die die Technik angeht denke ich kommen beide Fälle vor: manche haben es technisch wirklich nicht so drauf, andere malen wohl absichtlich unsauber.
Was mir auf jeden Fall wichtig ist, bzw. was ich eigentlich nicht so leiden kann, sind konventionelle Graffitis. Das fängt schon beim Namen an, also wie bspw. Xy_one, oder yx_2 und dann irgendwelche Pfeile oder Bubbles beim Piece – gähn! Das hat man schon tausendmal gesehen, das wirkt alles teilweise so festgefahren. Ich will mit meinen Sachen da auch ein Gegenstatement liefern: nee, bei mir gibt es keinen englischen Tagnamen, keine Pfeile. Also die Graffiti-Szene kann wie gesagt, insbesondere teilweise in Frankfurt unheimlich festgefahren und intolerant sein: da macht es halt nochmal extra Spaß, was anderes zu malen.

Manche Bilder von mark-reinert.com
Welchen Spruch ich diesbezüglich auch richtig gut finde, ist der Slogan“ Ein Leben ohne Peng (ist möglich)“: Ein Freund von mir meinte, dass dies ja auch ein krasser Anti-Fame-Spruch ist, was mir ursprünglich eigentlich ehrlich gesagt gar nicht bewusst war. Aber ja, so kann man es deuten und so gewinnt der Spruch ein ganz besondere Kraft da normalerweise jeder Maler den größtmöglichen Fame sucht.

Ist Gott eigentlich tot?

Das weiss ich nicht. Eventuell glaube ich an etwas Übernatürliches, an etwas Höheres, dennoch ist Religion nicht mein Ding. Klar, was erstmal im Widerspruch zu meiner Kunst steht, da ich oft religiöse Symbole verwende, also Kreuze, Fische etc.

Der Grund für diese Verwendung ist erstmal ganz banal: dies sind Symbole die eine extrem starke Wirkung haben, insbesondere das Kreuz, das irgendwie in jedem Kontext funktioniert. Das Spiel mit dem Mystischen, Religiösen und Geheimnisvollen macht mir Spaß und sorgt insbesondere, wenn dies draußen in der Stadt passiert, für eine noch größere Aufmerksamkeit, da dies hier nicht vermutet wird.
Insbesondere im Bereich Streetart tritt es eher seltener auf und im Bereich Graffiti noch weniger. Die Leute kennen und erwarten irgendwie Tags oder Stencils von irgendwelchen Affen oder so.

Mir macht es Spaß für Irritationen zu sorgen, ich möchte die Leute zum Stehenbleiben, Schauen und Nachdenken animieren. Statt Base1 oder Flava12 gibt es bei mir halt „Tags“ à la „Mea Culpa“ oder „Die Zukunft Dein ist“ - ist halt mal was anderes, wa? Also „Mea Culpa“ also „Meine Schuld“, verwende ich schon sehr häufig bei den Bildern, aber auch hier es so, dass da kein tiefgründiges Konzept dahintersteckt, eher geht es darum allgemein die Stimmung / Wirkung des Bildes zu erhöhen. Auf der anderen Seite ist mir schon bewusst, jedenfalls nehme ich das so wahr, dass hier eine größere Irritation erzeugt werden kann: man tritt ev. stärker in den Kontakt mit dem Betrachter, da er/sie sich fragt inwiefern meine Schuld oder ev. Seine Schuld gemeint ist. Es ist halt sicherlich so, dass „normale“ Tags, die eigentlich bedeutungslos in ihrer Aussage sind, diese „Tags“ halt eine Botschaft/einen Inhalt haben. Wobei dieser wie gesagt halt offen ist – der eine Betrachter nimmt das an bzw. setzt sich damit auseinander, jemand anderes ignoriert das bzw. erkennt darin nichts. Was auch völlig ok ist.

Sticker, Marker oder Kanne?

Ganz am Anfang habe ich sehr viel mit Stickern gemacht, jedoch fuckt hier Frankfurt halt ein bisschen ab, da die Aufkleber teilweise super schnell entfernt werden. Mein Favorit ist eigentlich der Marker: ist schön leise, kann man super auch schon mittags verwenden. Marker habe ich eigentlich immer dabei. Sehr viele Sachen von mir, insbesondere die Markerbilder und -sprüche passieren auch eher beiläufig: auf dem Weg zum Bäcker, nach dem Konzertbesuch, oder beim Sonntagsspaziergang male ich. Man merkt ja auch, dass vieles gar nicht nachts passieren muss, wenn‘s schnell ist, passiert ja normalerweise auch nix.

Nachts halt eher die Dose, gerade bei größeren Sachen.

Generell kann man sagen, dass ich eigentlich fast jeden Tag was mache- das ist schon eine (krankhafte?) Sucht.

Politische Dimension?

Ist dabei. Eigentlich 2mal: einmal die Sachbeschädung an sich: im Gegensatz bspw. zu Spot/CityGhost meide ich private Gebäude nicht und wenn dann eher wegen der Gefahr einer möglichen Entfernung oder einer sofortigen Anzeige. Meine Kunst mache ich erst mal für mich und mich interessiert das nicht, wie irgendein/e Hausbesitzer/in darauf reagiert. Ist für mich irgendwie auch ein Zeichen des Protest, Nonkonformismus, anecken wollen – kein Bock auf dieses „Standardleben“.

Die Stadt gehört allen und nicht irgendwelchen Immobilienmaklern, die den höchsten Profit rausschlagen wollen. Graffiti und Streetart sind für mich Zeichen, dass es Leben in der Stadt gibt.

Der zweite Aspekt wären meine Slogans: also zum Beispiel „out of college money spent see my future pay no rent“ (geänderte Textzeile aus dem Song „You Never Give Me Your Money“ von den Beatles) oder „the difference between you and us is that we have have rage“ (abgeänderter Songtext von The Fall) sind schon politisch bzw. kritisch gemeint. Was ich auch daran immer merken konnte, wenn ich die Sprüche irgendwo hingesprüht hatte, dass die teilweise innerhalb weniger Tage gebufft wurden. Also da fühlen sich die Leute wirklich angestoßen, vielleicht sogar angegriffen.

Trotzdem steckt hinter meiner Kunst kein politisches Konzept.

Stuhl, Maus, Kanone, Regenschirm?
Eigentlich ähnlich wie bei den religiösen Motiven - eine direkte, ursprüngliche Intuition gibt es nicht. Eher erstmal die Frage: Was ist anders? Was erzeugt Aufmerksamkeit? Was ist neu?

Hier arbeite ich dann auch gerne wieder mit eingängigen Symbolen wie beispielweise dem Regenschirm: ist mit wenigen Strichen gemalt und ich bringe das halt mit meinem Namen in Verbindung.

Inspiration?
Klingt abgedroschen, aber mit offenen Augen durch die Welt laufen hilft. Ansonsten kommt fast alles aus mir heraus, gerade in letzter Zeit gehe oft ohne oder nur mit einem rudimentären Konzept raus – am Spot selbst male ich dann ganz spontan und mir fällt da eigentlich immer was ein.
Ansonsten finde ich wie gesagt „anti-Style“ – also wenn man das so bezeichnen will super spannend und flashig: also die Bilder auf dem Blog naivekunstgraffiti.tumblr.com/ sind einfach super!

Zur Inspiration der mystischen / religiösen Bilder: Ich orientiere bei den religiösen Bildern eher an christlichen Motiven, weniger an Indianerkunst, wie manche behaupten. Auch der Vergleich mit dem Skatebrand Alien Workshop zeigt Ähnlichkeiten in der Kunst, ja, das stimmt: dennoch ist dies einfach Zufall.

Was die Stimmung der Bilder und damit einhergehend auch die Titel der Bilder anbelangt orientiere ich mich sehr gerne an Thomas Mann, der in seinem späteren Lebenswerk stärker das Mystische aufgreift (behaupte ich jetzt einfach mal), wie bspw im Zauberberg. Das sind echt starke und dichte Atmosphären im Buch beschrieben, die ich mit meinen Bildern, manchmal auch erzeugen möchte.

Reaktionen?

Ach, eigentlich durch die Bank sehr positiv. Also ehrlich gesagt sind die Kommentare / Likes/ Hates am Beispiel Streetfiles nicht so hoch – hatte dann auch anfangs den Eindruck, dass die Leute und die Szene die Sachen gar nicht so wirklich wahrnehmen. Nach und nach hat man aber dann schon ziemlich mitbekommen, dass die Leute das sehen, erkennen, das darüber gesprochen wird.

Also ein wirklich tolles Erlebnis war die Abschlussausstellung im Lola Montez – hier bin ich das erste mal wirklich in Berührung mit der Szene gekommen und da war das Feeback echt super. Auch von den Besuchern der Ausstellung gabs sehr nette Kommentare. Das pusht dann einen schon...

Klar, die Hater gibt es auch, viele, ich sag mal traditionelle Sprüher, haben damit ein Problem: Sätze wie „Das ist kein Graffiti“ oder „Hast du irgendwelche Drogen genommen“ hört man schon. Ist mir aber egal.

Quick shots

Verkauf, Konsum, Sellout?
Kommt wohl jeder mit in Berührung.

Wie nimmst du öffentlichen Raum wahr, wann fühlst du dich wohl/unwohl?

wohl: Leerstand, Radfahrer, Punks, Graffiti /Streetart, Altbau, unsanierter Altbau, bröckelnde Hausfassade, Trinkhallen, Universitäten / Hochschulen, Wildplakatiererei, Bars, Kaugummiautomaten, Parks, teilweise Platte(nbau), Natur

unwohl bei: Polizei, zu viel Strassenverkehr, Einfamilien-/Reihenhäuser, Schrebergärten, Deutschand-Flaggen, Autobahnen, Tankstellen wo Auto-Freaks abhängen, Parkhäusern, Videoüberwachung, Securities, PartyPeople samstagsabend in der City

Bornheim oder Gallus?
Nordend

Süß oder Sauer gespritzt?
Bin mit beidem nicht warm geworden.

Ein Leben ohne Peng ist möglich?
Aber sinnlos

Tags sind? Wichtig. Sehe ich ein bisschen wie Denk – ich freue mich immer, wenn ich welche sehe.

Penny mobile oder Ja-mobile?
Ja!

Bei dem arbeitslosen dem langweilig ist, aber gut dass es ihn gibt, handelt es sich um?
Um den passanten

Apollo oder Dionysos?
Gott lebt.

Complete me…

Bild von Stadtkindffm
Sticker sind…klebend. Zur Zeit irgendwie nicht mehr mein Ding.

Die EZB-Hall ist…ist ne jute Sache. Wobei mir legales Malen nicht so liegt.

Ivi bleibt, weil… Kritik sein muss.

Frankfurt ist...hassenswert. Aber auch liebenswert. Dauert halt ein bisschen. Was Graffiti/Streetart anbelangt gefällt es mir auch zurzeit richtig gut. Passiert doch wieder recht viel und man merkt die Leute haben Lust.

Winter ist...unangenehm. Dafür kann man schon früher zum Malen raus.

Trains... würde eigentlich gerne mal machen!


Links:

herrpeng.wordpress.com

flickr.com/photos/herr-peng

Peng bei StadtkindFFM

Peng-Fotoset vom GhostHunter



Kommentare:

  1. Schade, dass nicht mehr Message hinter der witzigen Kunst von Herrn Peng steckt.

    AntwortenLöschen
  2. schöne Selbstdarstellung...romantischer wäre es doch, wenn Herr peng ein Mysterium geblieben wäre. aber ganz konventionell wird vorallem der Internetfame genutzt und das ein oder andere super-unkonventionelle Muster (,Formen, Symbole und Rauten) im Style verbaut. Ist ja etwas ganz Neues. :) und wie unkonventionell anonyme Kommentare erst sind.

    Liebe "Graffitiaktivisten", es gibt keine Regeln im "Game" aber bitte meidet sinnlose Gewalt und die bösen Medien.

    AntwortenLöschen
  3. @"alles_banane": bitte nicht noch ein weltverbesserungsprediger, der hintenrum selbst nichts tut.

    es ist so gut, dass es peng gibt! vorallem für erfurt. dankeschön!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Eine Message muss ja nicht gleich mit Weltverbesserungsgedankengut gleichzusetzen sein. Es ist einfach interessant zu erfahren, was Kreative (dazu zähle ich Peng unbedingt) mit ihrer Kunst ausdrücken möchten.
      It's that easy - Herr/Frau Anonym (2).

      Löschen
  4. Ich mag die Sachen von Peng. Ebenso gefällt mir, dass seine Sachen, egal ob gesprüht, geklebt oder gekleistert, auch sehr oft in Straßen anzutreffen sind, die nicht stark frequentiert sind, wie es sonst offenbar viele andere handhaben. (rob)

    AntwortenLöschen
  5. der style von peng ist echt geil, hebt sich von anderen ab...
    aber in erfurt sollte er ruhig mal wieder mehr taggen! :D

    AntwortenLöschen
  6. "Ach, eigentlich durch die Bank sehr positiv. Also ehrlich gesagt sind die Kommentare / Likes/ Hates am Beispiel Streetfiles nicht so hoch"


    Ahahaha, Trottel!!!

    AntwortenLöschen
  7. dicke dicke propzz!!

    AntwortenLöschen