Montag, 16. Dezember 2013

Ruhe - Ordnung - Sauberkeit.


Dass BILD-Artikel einen unerwartet ansprechen, packen, aufwühlen und einen am Ende reichlich verstört, ausgelaugt und mitgenommen liegen lassen, ist das Geheimnis des Avantgarde-Journalismus. Der Artikel über den "Tatort Graffiti"-Kongress ist so ein Beispiel - ich hatte noch genug Kraft für diesen Kommentar:


Jetzt ist es raus. Jahrelang ist es den Graffititerroristen gelungen, konspirativ die endgültige Zerstörung der deutschen Stadtlandschaft vorzubereiten. Aber haben die Vandalen die Rechnung ohne die Sheriffs gemacht? Und ohne die BILD-Zeitung, die glücklicherweise ihrem Meinungsbildungsauftrag nachkommt, und schonungslos aufdeckt?

Wenn abgehalfterte Hilfssheriffs, die ihr Ohr ganz nah an der Szene haben, ihr mit dubiosen Methoden
erworbenes Wissen, der mehr- oder minderermittelnden und –bemittelten Zuhörerschaft präsentieren können, ist hoher Unterhaltungswert garantiert.
Aber – was ist aus dem Qualitätsjournalismus bei BILD geworden! Schlampig recherchiert, werden hier nur lediglich fünf Strategien des Graffititerrors aufgedeckt. Und dabei wird schamlos untertrieben: Unlängst wurden einige bis zu 18 Meter hohe Feuerlöscher-Tags entdeckt, da braucht man sogar zwei Kräne. Die ziegelsprengende Biopampe wird mittlerweile in sich harmlos gebenden Yuppiecafés in durchgentrifizierten Quartieren als Ingwer-Zitronengas-Orangen-Bärlauch-Suppe ganz legal verkauft. Und: es gibt inzwischen sogar Graffiti, welche gar nicht mehr sichtbar sind – selbst auf Fotos nicht. An Löschen ist da gar nicht mehr zu denken.

Was ist mit der Strickguerilla, deren Wollreste zur Brutstätte von Krankheitserregern mit pandemischen Ausmaßen werden? Was ist mit Tätowierern, die unschuldigen Jugendlichen als Bilder getarnte Hässlichkeiten direkt unter die Haut spritzen, deren würgreizbegleitendes Kopfschütteln verursachende Abscheulichkeit den ahnungslosen Opfern meist erst Jahre später in Einsamkeit und Ermangelung an Sexualpartner/-innen auffällt (das Ziel ist offensichtlich: die perspektivische Vernichtung der Stadtgesellschaft)? Sogar die Sonne haben die Schmiersauereiverursacher instrumentalisiert: fiese Schatten- und Lichtmuster verhunzen, was fleißige Architekten mühsam planten.
Dass BILD diese Entwicklungen verschweigt, lässt uns aufhorchen. Macht BILD am Ende mit am Sauerei-Komplott? Warum wird die Apokalypse der Städte im 21. Jahrhundert auf so offensichtliche Weise verharmlost?

Klarer ist da zum Glück die Pressemitteilung der veranstaltenden Bundesvereinigung Anti-Graffiti. Hier wird endlich deutlich, um was es den Graffitikünstler_innen wirklich geht: technische Innovation, Förderung der Vernetzungsfähigkeit verschnarchter Pseudoexpert_innen und um die Ankurbelung der Volkswirstchaft durch eine lebhafte Präventions- und Beseitigungsindustrie (Zitat aus der Selbstdarstellung: "Der derzeit große Markt im Bereich Prävention und Entfernung von illegalen Graffiti (über 500 Millionen € jährlich) ist für viele interessant. So werden neben wirklich hochentwickelten Entfernern (wirksam, schonend, umweltfreundlich,)  auch "Wundermittel" und unprofessionelle Dienstleistungen angeboten, die oftmals Schäden anrichten, gegenüber denen die Schäden durch die Sprayer lächerlich erscheinen."). In der Pressemitteilung fehlt uns einzig und allein der Dank an die Menschen, die die Arbeitsplätze der Kongressteilnehmer_innen sichern - ein Schönheitsfehler, wie so vieles in der Stadtentwicklungspolitik des 21. Jahrhunderts.

In diesem Sinne: Freiheit stirbt in Sauberkeit.


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