Montag, 17. Februar 2014

Nehmt der Langeweile ihren Sinn!

Seit einiger Zeit liegt dieses Buch hier nun schon rum. Es ist 1979 erschienen (ganz so lange liegt es hier noch
nicht) - da wird es Zeit, es mal vorzustellen:
Wandmalereien - in West-Berlin & West-Deutschland (Herausgegeben, gestaltet und zusammengestellt von Stadtteilgruppen, Bürgerinitiativen, Frauengruppen, von Individuen, Horden, Banden, Gespenstern, Gruppen, Schmierfinken, Subversiven & dergleichen).



Die Herausgeber haben sich Ende der 70er Jahre bei der Suche nach neuen politischen Aktionsformen Wände als Propagandaflächen und Orte für aktive Stadtteilgestaltung gesucht und somit wird in diesem Buch auch eine der Wurzeln von Graffiti in Deutschland dokumentiert.
Das Buch vermittelt einen guten Eindruck der gesellschaftlichen Umstände: Unsanierte Stadtteile, Smog und Luftverschmutzung; die Rebellion der Jugend gegen die verkrustete Gesellschaftsstruktur hatte sich radikalisiert, der Staat reagierte mit einer umfassenden Repression.
So ist es auch nachvollziehbar, dass die dokumentierten Wandmalereien in der Regel politische Themen
Dope.
aufgriffen: Umweltverschmutzung und fehlende Lebensqualität im Stadtteil wurden genauso thematisiert wie Vergewaltigungen und Sexismus und die Organisierung dagegen. Auch Solidaritätsbekundungen mit den von Repression Betroffenen gab es natürlich. Gegen stadtplanerische Großprojekte wie Straßen- und Kraftwerksbau wurde mit Wandbildern protestiert, aber manchmal ging es auch ganz einfach um die Verschönerung des Wohnumfelds. Darüber hinaus wurden auch alternative Lebensentwürfe propagiert, die sich u.a. im Verweigern der üblichen Konventionen wie Fleiß, Ordnung und Sauberkeit und dem positiven Bezug zu Bewusstseinserweiterung äußerten.

UJZ-Träume.

Relativ groß sind die Ähnlichkeiten der Kontroversen und Konflikte, die Wandmalereien damals hervorriefen, im Vergleich zu heute: Es gab die wachsamen Nachbarn, für die jeder Langhaarige sowieso ein Terrorist war; die Polizei, die oft eingriff, ohne anscheinend so richtig zu wissen, warum (wurden aber bisher keine Wände bemalt, so konnte es nun nicht in Ordnung sein) - die Graffitis stießen somit vor allem auf Ablehnung, weil sie die üblichen Gepflogenheiten in Frage stellten, durch den Akt der ungefragten Wandbemalung, aber natürlich auch durch inhaltliche Positionierung. Eine Zeit lang konnten bunte Bilder als Aufwertung und uniangebundene Stadtteilarbeit verkauft werden, so dass die Bullen wieder abzogen, aber spätestens, wenn die dazugehörige Parole an die Wand kam, mussten die Verursacher_innen mit Personalienfeststellung und Festnahme und galten als direkte Unterstützer_innen von Terrorist_innen.
Und auch damals gab es schon legale Formen von Fassadengestaltung, um dem ungenehmigten Treiben Einhalt zu gebieten, aber gleichzeitig die berechtigte Kritik an trister Stadtwelt zu beschwichtigen. Bei dem im Buch beschriebenem Projekt  waren die Künstler_innen in Themenwahl und künstlerischer Freiheit allerdings sehr eingeschränkt, und mit Hilfe bürokratischer Akribie wurde die Initiative totgequatscht. Auch diese Strategie wird im Umgang mit unliebsamen Initiativen immer noch gerne praktiziert.

Unterschiedlich im Vergleich zu heute hingegen waren die Mittel, die den Beteiligten von damals zur Verfügung standen. Es wurde in erster Linie mit Pinseln gemalt, man musste erst langsam die Erfahrungen sammmeln, dass man die Bilder in der Größe planen muss, damit man überhaupt was erkennen konnte und die Farbe reichte.
Arbeitsteilung wurde dann vor allem nötig, als der Verfolgungsdruck stieg. Es wurden Spots ausgekundschaftet, es gab Checker und nicht selten mussten abgebrochene Arbeiten später vollendet werden. Es gab auf der anderen Seite noch keine ausgefeilten Überwachungstechniken, so dass die ein oder andere als offizielle Stadtteilinitiative getarnte Bemalung auch ungestört zu Ende geführt werden konnte.
Zukunftsvision Ende der 70er.
Mitunter wurden aber auch die Personalien von Schaulustigen mit gezückten Waffen festgestellt. Im Buch ist übrigens auch ein Gerichtsurteil vom Amtsgericht Tiergarten von 1978 dokumentiert, nach dem die Angeklagten freigesprochen werden mussten, weil nicht zweifelsfrei festgestellt werden konnte, welchen Beitrag sie zum Wandbild geleistet hatten oder ob sie am Ende doch nur Passanten waren (und damit wird deutlich, dass das Bestreben der Polizei, mutmaßliche Täter_innen ohne nachvollziehbare Beweisführung für Graffiti verantwortlich schon früh von Gerichten nicht zwingend abgenickt wurde).
Und sogar einen kleinen Abschnitt zu "unbewusster Wandgestaltung" gibt es - da hatte jemand Gefallen an den Auflösungserscheinungen der Bausubstanz durch Witterung, Abgase und sauren Regen gefunden.

Ob es zu dem zweiten geplanten Band zu Wandmalereien aus Europa und Übersee gekommen ist, weiß ich leider nicht. Dieser Band ist auf jeden Fall sehr aufschlussreich. Die Schilderungen zu Planungen der Projekte sind zwar etwas langatmig, aber sie spiegeln sehr authentisch die Beweggründe und Probleme derjenigen wieder, die als Pioniere triste Wandflächen bemalt haben. Und es ist schon äußerst interessant, wieviele Parallelen zum heutigen Graffitimalen geblieben sind, obwohl sich die gesellschaftlichen Verhältnisse doch erheblich verändert haben.

Im Internet wird das Buch sogar über mehrere Verkäufer angeboten, auch im Infoladen im ExZess kann das Buch ausgeliehen werden.

Hier noch ein paar Eindrücke:
Geh doch rüber in den Osten.
Denkmal.

Modern Deutschland.
Gefangenenbefreiung.


1 Kommentar:

  1. Geil! Ist zwar ein bisschen aktueller, aber zu empfehlen ist auch die Publikation "Das Gedächtnis der Stadt schreiben"

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