Dienstag, 30. Juni 2015

Graffiti bleibt notwendig! - Kommentar zur derzeitigen Graffiti-Debatte -

An dieser Stelle möchten wir ebenfalls einen recht ausführlichen Kommentar zur aktuellen Debatte in Erfurt liefern.

Ein Blogger-Mitglied hat sich im Rahmen seiner Bachelorarbeit mit dem Thema Graffiti, konkret inwiefern diese Kunstform als eine Raumaneignung gesehen werden kann, beschäftigt.

In diesem Artikel sollen entscheidende Argumente und Thesen aus der Bachelorarbeit hervorgehoben werden, wobei auf Quellenangaben verzichtet wurde. Demnächst soll diese Bachelorarbeit auch hier auf dem Blog veröffentlicht werden, so dass solche Literaturangaben dann einsehbar sind.

Es sollen also nun positive Aspekte des Graffitimalens sowie aktuelle Restriktionen, die den Menschen im öffentlichen Raum begegnen, genannt werden:



Cash rules erverything around me


Es lässt sich konstatieren, dass der öffentliche Raum mehr und mehr im Sinne einer kapitalistischen Logik angepasst wird: die Funktion des Raumes liegt in seiner Rentabilität – Städte bzw. Innenstädte sind dabei geprägt von Zeichen und Symbolen, die von solchen Gruppen eingebracht werden, die über das notwendige Kapital verfügen (also bspw. großflächige Werbebanner usw.) – gerade in Innenstädten kann von einer Art „unsichtbaren Mauer“ gesprochen werden: ästhetische Codes und dominante Verhaltensweisen symbolisieren in diesen Räumen, wer ‚dazu’ und wer nicht ‚dazu’ gehört - Menschen ohne ausreichend finanzielle Mittel oder anderweitig abweichende Personen, sollen diese Orte bzw.  Innenstädte nicht betreten – eine (abweisende) Ästhetisierung (z.B. glatte und gestylte Fassaden wie sie die „myzeil“ in FFM besitzt) unterstützt die Ausgrenzung.
Somit produzieren solche „isolierten“ Innenstädte Aneignungskonflikte und verdeutlichen die Chancenungleichheit in der Nutzung des öffentlichen Raumes – dennoch lässt sich feststellen, dass sich im heutigen Stadtbild Zeichen finden, die unabhängig von einer solchen Kapitalverfügbarkeit im städtischen Raum angebracht werden: diese Zeichen und Symbole sind Graffitis.

Ich erschließe mir meine Lebenswelt!

Bevor auf den öffentlichen Raum eingegangen wird, soll kurz im Rahmen einer sozialpädagogischen Sicht auf die positiven Aspekte des Graffitis eingegangen werden: So spielt Raumaneignung insbesondere für Kinder und Jugendliche eine große Rolle, da diese ein stärkeres Verlangen besitzen ihre Lebenswelt zu erschließen, sowie ihre Handlungsräume zu erweitern/anzueignen als dies bei Erwachsenen ist. So deuten Erwachsene Räume mehr funktional/nutzungsorientiert, weniger aneignungsorientiert. Stadtparks stellen z.B. für Erwachsene eher Ruhezonen dar, während Jugendliche sich hier „ausprobieren/experimentieren“ wollen. Sich Räume anzueignen bedeutet insbesondere für Jugendliche auch die Möglichkeit sich im Sozialen zu bilden – solche soziale Kompetenzen sind somit ausschlaggebend bei der Bildung individueller Identität und helfen den Jugendlichen ihre späteren Rollen und Positionen in der Gesellschaft zu finden.
Raumaneignung besitzt zusammengefasst 3 Merkmale, nämlich:

1. Eine eigentätige Auseinandersetzung mit der Umwelt, einschließlich der Veränderung bzw. (kreativen) (Um-)Gestaltung vorgegebener Räume, Situationen, und Arrangements aber auch die Möglichkeit zur Produktion neuer (virtueller) Räume.
2. Die Inszenierung, Verortung im öffentlichen Raum.
3. Die Erweiterung des Handlungsraumes, d.h. die neuen Möglichkeiten, die in Räumen liegen zu erkennen und wahrzunehmen, einhergehend mit der Erprobung und Erweiterung neuer Verhaltensweisen und Fähigkeiten.

Betrachtet man sich also diese 3 Voraussetzungen so wird erkennbar, dass das Graffitimalen eine solche Raumaneignung darstellt - die positiven Aspekte durchaus auf die SprüherInnen übertragen werden können. Des Weiteren wird von Sozialpädagogen ein „wildes Lernen“ empfohlen, welches jenseits gesellschaftlich legitimierter Pädagogik stattfindet: Graffiti mit seinem Regelbruch also ebenfalls diesen Aspekt erfüllt.


Inszenierung im öffentlichen Raum

Räume bzw. Städte sind im Wesentlichen nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten geprägt – für SprüherInnen erfährt jedoch der Raum eine neue Funktion: die Stadt wird zum möglichen (Kommunikations-)Medium für die eigene Kunst bzw. in der Folge zum Ort der Selbstinszenierung - diese Inszenierung muss sich dabei nicht auf den eigenen Stadtteil beschränken sondern kann sich z.B. im Rahmen der Bemalung von Zügen auf ganze Regionen beziehen – insbesondere für stark sozial benachteiligte Menschen stellt dies einen symbolischen Akt dar, ihre räumliche Ausgrenzung zu überwinden. Verortung im öffentlichen Raum bedeutet für die GraffitimalerInnen mit ihren Werken ihre Existenz zu behaupten. Es werden in der Stadt persönliche Lebenszeichen gesetzt, die dabei auch eine Demonstration ihrer Fähigkeiten und ihres Nicht-Angepasst-Seins sind – ein Ausdruck eines individuellen Lebensgefühls – wie Peter Sloterdijk passend formuliert, wird „die Differenz in einer Identitätskultur zu knappen Ware“ – Graffiti hier somit die Möglichkeit bietet, einen erhöhten Grad eigener Individualität zu erlangen – und laut Werbung wollen wir das doch alle sein, oder?


Also dann Null-Toleranz?

Der Satz von Marion Walsmann (CDU Erfurt) „Graffiti schafft Angsträume“ sowie weitere Äußerungen von ihr lassen vermuten, dass Frau Walsmann auf die Broken-Window-Thorie anspielt, also dass in Stadtvierteln, welche verwahrlost sind und in denen ein unsoziales Verhalten (Merkmale können  z.B. herumliegender Müll, Drogenkonsum aber auch Graffitis sein) herrscht, ein hohes Risiko besteht, dass Kriminalität von der Bevölkerung als normal angesehen wird, wodurch Angst und Unsicherheit steigen. Als Ursache wird eine nicht vorhandene Verantwortlichkeit für den öffentlichen Raum gesehen. Hierbei gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, inwieweit die Problematik einer Broken-Windows-Situation in entsprechenden Stadtvierteln durch eine Null-Toleranz-Strategie, also z.B. eine verstärkte Polizeipräsenz, die bereits kleine Vergehen, streng betrafen, behoben werden kann – wie aus dem Fragenkatalog der CDU-Fraktion hervorgeht kann vermutet werden, dass diese u.a. solche Maßnahmen umsetzen möchte. Am Beispiel New Yorks in den 1990er, wo diese Strategie angewandt wurde, kann jedoch gezeigt werden, dass die Wirksamkeit von Broken-Windows- und Null-Toleranz-Ansätzen bisher nicht (wissenschaftlich) belegt werden konnte. So nahm die Kriminalität New Yorks im Rahmen dieser Maßnahmen zwar ab, jedoch konnten diese Verbesserungen auch in anderen amerikanischen Städten, die keine Null-Toleranz-Strategie verfolgten, festgestellt werden. Grundsätzlich stellt sich die Frage inwiefern Graffiti bspw. Drogendealer und weitere Straftäter anzieht, also für eine Abwärtsspirale im Stadtviertel sorgen – auch hier gibt es bisher keine seriösen Untersuchen, die dies bestätigen konnten.

Graffiti schafft Angsträume

Für Frau Walsmann produzieren Graffitis negative Atmosphären – für uns positive:
So steigen Interpretationsspielräume in bemalten Stadtvierteln, da sich die (wirtschaftliche) Funktionslosigkeit der Graffitis (so spricht Baudrillard bei Graffitis von der „[...] Leere, die ihre Kraft ausmacht“) auf den Raum übertragen kann: er erscheint nicht mehr rein zweckrational bzw. rein funktionsorientiert gebaut zu sein; Graffiti kann somit (weitere) kulturelle (Raum-)Bedeutungen produzieren: so könnten sich die Anwohner dazu ermutigt fühlen ebenfalls Kunst in der Stadt anzubringen, oder bspw. eine (ungenehmigte) Straßenfeier zu organisieren - also nicht nach rein-marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten zu handeln.

Toter Raum wird lebendig

Ein weiterer Aspekt neben der Funktionslosigkeit ist, dass Graffitis auch Zeichen des Lebens sind – gemeint ist, dass hinter jedem Tag oder Piece auch immer eine Person steckt, die dieses angebracht hat. An Graffiti Interessierte könnten also einen Bezug zum Maler/zur Malerin aufbauen in dem sie z.B. seine/ihre (Mal-)Routen, die dieser/diese durch die Stadt gemacht hatte, verfolgen, also eine indirekte Beziehung zu dieser konstruierten Identität aufbauen (Bspw. in dem Sinne einer möglichen Äußerung: „Diesen Maler kenne ich, ich sehe in meinem Viertel sehr oft seine Bilder“ – Dieses „Kennen“ soll diese indirekte Beziehung anzeigen)
Des Weiteren wirkt der Raum durch bunte Bilder, Plakate, Aufkleber usw. weniger monoton: Überraschendes und Unerwartendes kann entdeckt werden. Die Stadt kann als großes Atelier angesehen werden, welches frei und ohne Zutrittsbeschränkungen jedem zur Verfügung steht.  Schließlich kann durch Graffiti „toter“ Raum auch wiederbelebt werden – oft  suchen die KünstlerInnen häufig Leerstände oder Abrisshäuser auf: Orte, die sonst i.d.R. nicht mehr betreten werden. Durch die gute Möglichkeit hier malen zu können, werden diese Orte jedoch wieder besucht und gestaltet.

Graffiti doch noch als Standortfaktor

Die Stadt wird schließlich künstlerisch bespielt, und kann hierdurch eine neue Attraktivität erlangen. Das bedeutet, dass Stadtviertel, die bisher für den Tourismus uninteressant blieben, durch vor Ort vorhandene Graffitis eine erhöhte Aufmerksamkeit erfahren und somit für die Stadt die Möglichkeit besteht weitere Zusatzeinahmen zu erhalten .D.h., dass Graffiti schließlich doch eine kapitalistische Funktion erfüllt – dies haben Großstädte bereits erkannt und werben offiziell auf ihrer Webseite mit Street Art/Graffiti-Stadtführungen – auf der Homepage www.berlin.de können Interessierte z.B. eine „Street Art-Radtour“ buchen. Graffiti kann somit auch als weicher Standortfaktor gesehen werden, der im besten Fall Szeneviertel produziert, die auf (viele) Menschen anziehend wirken können.


Graffiti bleibt relevant!

Der Raum wird durch Graffiti verändert – dies kann als Zerstörung (bzw. Vandalismus) aber auch als künstlerische Umgestaltung interpretiert werden.  Unabhängig von solch einer Bewertung produzieren GraffitimalerInnen mit ihren Werken einen Diskurs darüber was Kunst ist, wer das Recht besitzt städtischen Raum zu verändern – schließlich wird die grundsätzliche Frage gestellt: „Wem gehört die Stadt?“ Gerade im Kontext einer weiter zunehmenden Durchfunktionalisierung und Privatisierung der Gesellschaft, welche in der Folge Aneignungskonflikte produziert und Menschen  (räumlich) ausgrenzt muss die gesellschaftskritische Bedeutung dieser Kunstform also als weiterhin hoch angesehen werden.



Kommentare:

  1. Es sind ein paar nette Argumente dabei, wenn auch das ein oder andere (z. B. Touristenattraktion) etwas an den Haaren herbei gezogen wirkt. Meiner Meinung nach braucht Graffiti keine Rechtfertigung in einem System über welches sich Graffiti ja gerade hinwegsetzt. Das wäre Paradox.
    Außerdem anzumerken: Die Punktuation des Beitrags ist grauenhaft! Bitte mach doch mal einen Punkt, statt überall sinnlose Gedankenstriche oder Doppelpunkte hinzuzwingen.

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  2. Meine Gedanken sind widersprüchlich weil der Kapitalismus widersprüchlich ist.
    Nun, dass das Argument mit der Touristenattraktion an den Haaren herbeigezogen ist sehe ich nicht so, da es sich sich ja zeigt, dass sich Graffiti, wie in Berlin, vermarkten lässt. Dennoch ist dies ein Argument, und das gebe ich zu, keins mehr ist, was im Rahmen der Subversion, die ich ja dem Graffiti zuschreibe, passt. Dennoch soll dieses Argument bzw. diese Tendenz nicht so stark sein, dass dadurch Graffiti seinen kritischen Charakter vollständig verliert.
    Des Weiteren wirkt deine Ansicht so, als ob du dem Graffiti (durch das Wort "Hinwegsetzen") eine Systemüberwindung zusprichst, die ich als "too much" ansehen würde.

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  3. Ich finde den Artikel echt gut, danke für das Verfassen!
    Da waren viele Punkte, die Mensch schon kennt, nach einigen Jahren in der Szene kommen einem ja so einige Gedanken. Aber da sind auch Punkte dabei, die ich so noch nicht betrachtet habe, z.b. was die symbolische Mobilität/ bzw das aneignen von Räumen durch das Bemalen von Zügen auch über weitere Distanzen. -> grade mobilität ist eine frage des Einkommens, seit dem das gesetzliche Monopol der Bahn gebrochen wurde zwar weniger aber die Buspreise steigen ja auch schon und damit ist es für Menschen an der Finanziellen untergrenze ein großes Problem von A nach B zu kommen. Wenn schon die Straßenbahn geld kostet (und menschen nicht schwarz fahren) dann ist die Folge häufig Ghettoisierung (kenne ich aus eigener, gelebter erfahrung gut genug) Menschen werden an den Stadtrand verbannt.

    Was Graffitti und die eingliederung ins system angeht:
    Graffiti ist protest, steht also gegen das system, nicht immer bewußt aber es bricht die Konventionen und stellt Eigentum in Frage.
    Dagegen steht aber das Graffitti auch ein Ventil ist, so gibt es viele Menschen die ein stressiges kackleben führen, manche ja sogar als Banker oder ähnliches und die ohne graffitti entweder durchdrehen würden oder ihr leben grundlegend verändern müssten, es aber durch das Ventil graffitti nun nicht machen müssen, da sie dadurch klar kommen.
    In dem Punkt nutzt das system unbewußt graffitti um effizienter zu funktionieren.
    Selbes chema wie bei streetart touren, es ist unerwünscht und konträr aber es lässt sich eben doch eingliedern.
    Nebenbei bemerkt ist auch eine folge von aufwertung eines viertels durch streetart/graffiti dass die Mieten gehoben werden können, das ist nicht die schuld von streetart/graffitti aber es ist eben was kapitalismus daraus macht.

    Ich würde nie aufhören Graffitti zu lieben, ganz egal wie der Kapitalismus damit umgeht aber zu denken gibt es mir trotzdem.

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  4. PS: ich mag wie sich das auf der Kollektiven grade entwickelt, der ganze Austausch und die Diskusionen, auch mit Menschen die halt mal nicht zur eigenen crew oder Freunden gehören.
    Sonnst gab es das ja höchstens von seiten der Internethater™

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  5. https://www.youtube.com/watch?v=GgNdqYcjR0Y

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    1. Habe mir den kompletten Film gegeben.
      Ist teilweise etwas langsam gemacht aber die Antistylaaaz haben so verschiedene herangehensweisen, dass es echt nicht langweillig wird den streifen zu sehen.

      Danke dafür an unbekannt.

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