Sonntag, 1. November 2015

Von Alpha-Tieren, dem Zimmermann und einem Museum auf der Straße - das Interview mit 'Alpha Joe'


"Office Hawk",
EZB, 2012
Es gibt selten ein großes Mal-Event in der Stadt und Umgebung ohne seine Beteiligung. Sei es bei Living Walls, an der EZB, unter der Friedensbrücke, am Ratswegkreisel, beim Charakter-Jam in Bonames. Er arbeitet auch auf Leinwand - sowohl mit der Sprühdose als auch mit Öl- und Acrylfarben, wobei sein Graffiti-Stil fast immer erhalten bleibt. Die Markenzeichen von Guido Zimmermann (aka 'Alpha Joe') sind satirische Darstellungen mit vermenschlichten Tieren, der sogenannte Anthropomorphismus - und nicht selten Adaptionen großer Werke - die immer mit einem Rahmen versehen sind. Seine Arbeiten schmücken öffentliche Einrichtungen in Bad Vilbel und "hängen" an der Wand im Bahnhof Maintal-Dörnigheim, um nur zwei Beispiele zu nennen. Und auch weit über die Grenzen Frankfurts hinaus hat er große Murals gemalt, z.B. mehrmals in London, bei internationalen Events wie die iBUG, in Wittenberg, Kempten und Düsseldorf - mittlerweile eine gefühlt endlose Liste. Eins möchte er aber noch erreichen: er will mehr großflächige Murals in seiner Heimatstadt Frankfurt malen, weil alle dann direkten Zugang zu den Bildern haben, die wie im Museum für alle zugänglich sind. Dazu hat er nun ein Crowdfunding-Projekt gestartet: Museum on the Street. Wir sind begeistert von der Idee und wollten mehr wissen ...

"Vorsicht Buch", Auftragsarbeit anlässlich
der Buchmesse, Frankfurt, 2013
Stelle dein Projekt 'Museum on the Street' doch einfach kurz selbst vor, mit allem, was dazu wichtig ist.
Ich habe das Projekt ins Leben gerufen, weil ich gemerkt habe, dass es hier in Frankfurt ein Defizit an Wandmalerei gibt. Mittlerweile bin ich ein bisschen herumgekommen und habe in verschiedenen Städten gemalt; gleichzeitig verfolge ich auch das Geschehen im Internet, also was weltweit so passiert. Und dieser Vergleich zeigte mir, dass in Frankfurt doch ganz schön wenig los ist!

Schließlich bin ich dann zum Frankfurter Kulturamt gegangen und habe mit denen gesprochen, ob sie mich unterstützen können. Das können sie. Aber nur bürokratisch, weil sie leider zu wenig Mittel haben. Sie stehen aber hinter mir und finden das richtig gut. Irgendwann habe ich einen Aufruf von diesem Crowdfunding-Projekt gesehen und habe mir gedacht "ach, ich probiere es mal aus". Ich habe kurz und knapp meine Idee geschrieben und dann 'zack' wurde ich von über 60 Bewerbern ausgewählt, und es wurde auf einmal ernst.

Maintal-Dörnigheim Bahnhof
Und so kam es zu dem Projekt. Weil ich hier in Frankfurt unabhängig Wände malen möchte, Leute einladen möchte, mit denen ich etwas zusammen machen möchte. Mir ist es einfach wichtig, dieses Kulturgut hier in der Stadt zu etablieren, dass also jeder die Möglichkeit hat, sich schöne, ausgearbeitete Wandbilder anschauen zu können - dass also das Museum nicht nur drinnen sondern auch draußen stattfindet und für allen zugänglich ist. Das ist mir wichtig.

Du schreibst auf Facebook zu dem Crowdfunding: "Dabei zählt die symbolische Beteiligung mehr als ein hohen Betrag zu spenden!"
Am Ende der ersten Crowdfunding-Phase gibt es eine Ranking. Diese basiert auf der Anzahl der sogenannten Supporter and dient dazu, die Mittel aus dem Fördertopf zu verteilen. Dieser Fördertopf (immerhin 200.000 Euro) wird nach unten im Ranking an alle verteilt - so wird der fehlende Rest eines Projektes aufgefüllt. Desto höher ein Projekt steht in diesem Ranking, um so mehr Geld wird von den Förderern zu Verfügung gestellt. Die letzten im Ranking bekommen also eher nichts ab und sind quasi 'raus'.

"Tree of Society",
Hanauer Landstraße,
Frankfurt, 2014
Arbeiten an
"Tree of Society"
Du kommst selbst aus dem illegalen Graffiti, hat sich deine Haltung gegenüber den legalen Möglichkeiten verändert? Wie ist deine Haltung zu illegalen Graffiti/Street Art?
Meine Haltung hat sich überhaupt nicht geändert. Ich bin immer noch Fan vom illegalen Graffiti. Ich gucke es mir gerne an - natürlich lieber etwas Schönes als etwas Hässliches - oder besser gesagt, ein durchdachtes Graffiti finde ich gut. Wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, orientiere ich mich immer noch wie früher an Tags, an neuen Bildern; darauf achte ich eher als auf Straßennamen. Das illegale Graffiti hat mir damals in meiner Jugend so viel gegeben. Alles andere war scheiße in meiner Teenie-Zeit, damals war Graffiti mein einziges Lebenselixier. Die Familie war scheiße, die Schule war scheiße - und das Graffiti-Ding konntest du mit deinen Freunden machen. Es hat zusammengeschweißt. Man hat so viele Erfahrungen gesammelt. Ohne das illegale Graffiti wäre ich jetzt niemals da, wo ich bin. Auch so von den Fingerfertigkeiten und anderen technischen Sachen. Deswegen finde ich nach wie vor (illegales) Graffiti wichtig und gut.

Ratswegkreisel, 2014
Wie beurteilst du den Ratswegkreisel? Sowohl als Gesamtprojekt, sowie auch den dort zu sehenden Output? Ist seitdem weniger los auf den Straßen? Wie ist deine Meinung zur Friedensbrücke?
Ob weniger auf den Straßen los ist, weiß ich nicht genau. Das kann ich nicht beurteilen. Die Idee irgendwo eine große Fläche für alle zu schaffen, gab es schon länger. Ursprünglich wurde die Idee von Mario ('Kent') und mir angestoßen, aber wir hatten uns gleich zu Beginn überlegt, Stefan Mohr mit ins Boot zu holen - schließlich wurde dann der Verein "Freiluftgalerie Frankfurt" gegründet. Diese Vereinsgründung war auch nicht einfach und es hat ein bisschen gedauert. Aber nun hat es geklappt und die Wand ist legal. Ich finde es wichtig, weil man einfach Platz braucht, wo man sich austoben und Dinge versuchen kann. Es hat gar nichts mit Fördern oder Nicht-Fördern von illegalem Graffiti zu tun. Es ist einfach eine super Beschäftigung für Kids und die sollten das machen können. Ein gutes Beispiel dafür ist ein alter Graffitikollege von mir, mit dem ich früher lange unterwegs war. Er macht mit seinem Sohn oft zu Hause Skizzensessions und beide gehen dann an die Wand und sprühen zusammen. Das ist doch wunderbar. Es gibt nichts Schöneres als so etwas mit seinem Kind zusammen zu machen. Die Friedensbrücke finde ich auch super, weil man dort aufwändigere Ideen und Konzepte verwirklichen kann. Dafür ist es perfekt. Man braucht mehr von solchen Wänden.

Meeting of Styles, Magdeburg, 2014
Wie stehst du sonst zu legalen Projekten, bspw. an Trafohäuschen, oder an Stromkästen?
Klar, jedes Bild, das ich sehe, finde ich erstmal gut. Ein Graffiti-Bild ist immer besser als eine leere Wand. Na ja, das stimmt nicht ganz. Solange die Qualität stimmt und man sieht, dass da etwas Kreatives drinsteckt, ist es auf jeden Fall – obwohl, nee, nee. Es gibt auch viele hässliche Sachen, wo man sich lieber eine graue Wand wünscht als das Gemalte, wenn ich genauer darüber nachdenke. Also sagen wir es so: Ein Graffiti-Bild ist fast immer besser als eine leere Wand. Klar habe ich auch einige Trafohäuschen und Stromkästen gemalt. Das ist aber etwas eingeschränkt und es macht nicht so viel Spaß. Aber wenn man dort seine Ideen umsetzen kann, finde ich es gut. So werde ich bspw. demnächst in Sachsenhausen auf einen Stromkasten ein sehr aufwendiges Tierportrait malen.

"Knabenchor", Bad Vilbel
Wie gehst du mit dem Konflikt um, möglicherweise von Personen und Unternehmen beauftragt zu werden, die für eine Art der Stadtentwicklung stehen (Gentrifizierung, Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes), die Auswirkungen auf den Sozialraum Stadt aber z.B. auch auf den Umgang mit illegalem Graffiti haben (Überwachung, Privatisierung, Verdrängung)?
Ich kann mir gerade keine Unternehmen vorstellen, die so etwas machen bzw. die dafür stehen. Insofern bin ich überfragt. Generell kann ich sagen, dass man schon auf seine Auftraggeber genauer guckt und wenn es einer ist der politisch oder sonstwie nicht korrekt ist, dann überlegt sich man zweimal, ob man diesem mit seiner Malerei unterstützt oder ob man sagt "Nee, das ist mir zu blöd für euch zu arbeiten, für euch zu malen." Wenn etwas zu negativ wird, dann muss man konsequent sein und "Nein" sagen.

Ratswegkreisel, 2014
Du selbst bist beruflich Illustrator, auch deine Murals sind Illustrationen: Spielen Stylewriting und Buchstaben für dich noch eine Rolle oder haben sie möglicherweise nie eine starke Rolle gespielt?
Also ich komme aus dem normalen, klassischen Graffiti, das heißt ich habe schon immer mit Buchstaben zu tun gehabt. Ich habe aber natürlich auch immer parallel figurativ gearbeitet. Dort hat man größere Ausdrucksmöglichkeiten, deshalb ist dies mehr zu meinem Schwerpunkt geworden. Aber auch mit Buchstaben kann man sehr gut experimentieren und Spaß haben - deswegen spielt Stylewriting immer noch eine Rolle für mich. Ich gehe auch noch gerne mit Freunden raus - z.B. an den Ratswegkreisel - und wir machen eine richtig schöne Style-Session. Das macht richtig Spaß. Wobei ich sehr experimentell werde und jedes Mal etwas anderes ausprobiere.
Zu dieser Frage muss ich schließlich noch sagen, dass ich zwar immer noch Illustrator vom Beruf bin, dies hat sich aber aktuell gewandelt. Ich mache immer noch Illustrationen, aber mittlerweile liegt mein Schwerpunkt mehr in der Kunst. Ich sehe mich eher als freier Künstler oder eben Maler.

Missing Art - Living Walls,
Friedensbrücke, Frankfurt, 2013
Ist Graffiti für dich Kunst? Wie stehst du zu Anti-Style?
Es kommt ganz auf das Graffiti an, würde ich sagen. Wenn du einfach den Mode-Effekt bzw. das Graffiti selbst als Mode siehst und höchstens zwei Jahre lang malst, wirst du kaum deinen eigenen Style entwickelt haben. Denn dann sind die Graffitis nicht besonders kunstvoll geworden und demnach für mich nicht wirkliche Kunst. Aber sobald man etwas Eigenes entwickelt und etwas Kreatives macht oder was Neues schafft, dann ist es auf jeden Fall für mich Kunst. Vielleicht kann man sagen, dass dieser Trend zum Antistyle ein gutes Beispiel dafür ist, weil man dort sehr oft sehr wirre Sachen sieht, teilweise auch interessant von der Struktur, aber ich finde viele Kids und junge Maler machen es sich sehr einfach, weil es ein Trend ist. Sie machen einfach Antistyle und finden es cool, aber ich glaube man muss schon erst durch die Schule des klassischen Graffitis gegangen sein, um sich dann davon wieder lösen und den Antistyle malen zu können. Dann finde ich, dass der Antistyle seine Berechtigung hat. Sonst nicht. Natürlich gibt es immer wieder Ausnahmen, Leute die so direkt loslegen, aber ich persönlich finde den Antistyle grundsätzlich uninteressant. Und wahrer Antistyle ist meiner Meinung nach schon ganz alt - als ich 1993 angefangen hatte zu malen und mir auch internationale Mags anschaute, waren vor allem die Holländer sehr gut im Antistyle malen; aber irgendwie auf eine andere Art und Weise als es heute ist. Ich fand es damals spannender.

Bonames, 2014
Zu deinen Werken: Du verbindest oft Tiere mit Personen oder menschlichen Eigenschaften. Wie näherst du dich dem an: sind es die Tiere, die dich an Menschen erinnern, oder umgekehrt, siehst du menschliche Eigenschaften und Tätigkeiten eher noch als Eigenschaft, die es auch bei Tieren schon lange gibt?
Ich habe da ganz viele Herangehensweisen - wenn ich Wandbilder male, nehme ich oft Bezug auf den Ort oder auf die Geschichte des Ortes. Es kann grundsätzlich alles mögliche sein. Dann fange ich immer an zu recherchieren und es ergibt sich ganz schnell, dass bspw. an einem Ort eine bekannte Persönlichkeit schon einmal gewesen ist oder dass in der Industriebrache irgendetwas spezielles produziert wurde. Und dann nehme ich das gerne auf. Ich gucke, was dazu passt. Manchmal ist es auch einfach nur etwas Ästhetisches, ich schaue was für ein Tier von der Ästhetik funktioniert; oft werden dem Tier spezielle Eigenschaften nachgesagt, so dass man den Charakter eines Menschen durch das Abbild eines Tieres seine sehr gut darstellen kann. Das finde ich sehr spannend. Sei es Napoleon als Silberrücken, ein Gorilla, den ich genommen habe, weil es einfach ein Alphatier ist. Napoleon war sehr klein und hatte eine Art Minderwertigkeitskomplex und wollte unbedingt ein Alphatier sein. Oder z.B. Erpel Mao: er war einer der Diktatoren, welcher am meisten Zivilisten auf dem Gewissen hat. Und in China lieben die Leute lackierte Ente, es ist eine Leibspeise, so dass der Diktator also eine Ente sein musste - es ist sozusagen die Rache der kleinen unscheinbaren Zivilisten, die so Rache nehmen können.

Auf der iBUG 2015, Plauen
Die Herangehensweise ist also immer unterschiedlich. Z.B. fand dieses Jahr in Plauen in einer ehemaligen Kaffeerösterei die sogenannte IBUG statt - Loomit und ich überlegten also, wie man hier tierische Motive in das Gelände einbauen kann - wir sind dann auf diese Luwaks (deutsch: Fleckenmusang) gekommen - das sind Tiere, die indirekt den teuersten Kaffee der Welt produzieren, indem sie Kaffeebohnen fressen, das Fruchtfleisch verdauen und die Bohnen wieder ausscheiden. Für mich war schließlich also klar, dass wir mit diesem Tier etwas machen können. Es sieht auch ganz schön aus - es trägt eine Gesichtsmaske so ähnlich wie ein Waschbär. Hatte ich auch so noch nicht gemalt.

Frankfurt, 2013
Dann habe ich mir überlegt, man müsse diesen klassischen Kontext finden und recherchierte die Plauener Geschichte; hier entdeckte ich schließlich einen Feldherr, der einmal Plauen überfiel und praktisch niedergebrannte, es war der größte Krieg in Plauen bis dato damals. Zufällig fand ich von diesem Feldherr einen schlechten Kupferstich, und wandelte diesen Stich um - nun hatte ich mein (tierisches) Motiv. Es sieht oft immer klassisch, altbacken, oder auch dekorativ aus - aber eigentlich steckt wie gesagt immer viel dahinter. Das ist mir wichtig. Ich habe auch Motive gemalt, die ich einfach ästhetisch fand oder bei denen ich einfach experimentiert habe. Aber in der Regel versuche ich schon immer viele Hintergründe bzw. Geschichten mit einzubauen, also eine versteckte Botschaft zu integrieren, die man erst beim mehrmaligen Hingucken entziffern bzw. erkennen kann.


Yo, vielen Dank für das Interview und vor allem viel Erfolg für das Museum!

Wir sind in jedem Fall gespannt, wie sich das Projekt entwickelt, und hoffen auf mehr Murals in Frankfurt - die dann auch länger stehen bleiben als das Gastspiel der Künstler*innen aus Brasilien.
Zum Schluss noch diverse Links zu Guidos Projekten und Werken (externe Links werden in einem neuem Fenster bzw. Tab geöffnet):

Projekt-Seite beim Startnext Crowdfunding hier -->
Website von Guido Zimmermann hier -->
'London Calling'-Blog mit einem Bericht über eine großflächige Collabo im East End hier -->
Bericht im Hessenschau über das 'Museum on the Street' Projekt hier -->
Berichte und Bilder über Graffiti/öffentliche Kunst in Maintal bei Dosenkunst hier -->
Artikel in der Frankfurter Neue Presse über Malen an der Friedensbrücke hier -->
Freiluft Galerie Frankfurt/Ratswegkreisel hier -->
Kollektive Offensive: Bilder von der iBUG 2015 hier -->
Kollektive Offensive: Bericht über das damalige Gastspiel "Street Art Brazil" hier -->

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